Logo Passage gGmbH

FAQs: Migration  FAQs: Migration

 

Klaus J. Bade, Jochen Oltmer, Normalfall Migration: Texte zur Einwandererbevölkerung und neue Zuwanderung im vereinigten Deutschland seit 1990, Bundeszentrale für Politische Bildung bpb 2004

Kapitel 1

Wanderungen und Wanderungspolitik: Vom späten Kaiserreich bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs

1.1 Ein Auswanderungsland wird „ Arbeitseinfuhrland" - Deutschland im 19. und frühen 20. Jahrhundert

1.2 „Feindliche Ausländer" im Ersten Weltkrieg

1.3 Migration und Protektionismus in der Zwischenkriegszeit

1.4 Arbeitsmarktkontrolle und Zuwanderungsbegrenzungspolitik

1.5 Flucht, Vertreibung und Emigration als Massenphänomene

1.6 Flucht, Deportation und Zwangsarbeit im Zweiten Weltkrieg


1.1 Ein Auswanderungsland wird „ Arbeitseinfuhrland" - Deutschland im 19. und frühen 20. Jahrhundert

Im deutschsprachigen Raum hat es seit der Frühen Neuzeit die verschiedensten Formen von grenzüberschreitenden Wanderungen gegeben. Begriffe wie Aus-, Ein- und Transitwanderung, Arbeitswanderung, Flucht- und Zwangswanderung umschreiben sehr abstrakt eine kaum überschaubare Vielfalt von Migrationen von Deutschen ins Ausland und von Ausländern nach Deutschland.

Neben den grenzüberschreitenden Wanderungen über weite Distanzen gehörten kleinräumige Wanderungen zu jedermanns Alltag, z.B. Arbeitswanderungen vom Land in die Stadt oder in den nächstgrößeren Ort, Ausbildungswanderungen oder Heiratswanderungen. Der Begriff „Binnenwanderung" leistet dabei auf der Zeitachse nicht viel: Was nach der Reichsgründung von 1871 eine größere Binnenwanderung sein mochte, konnte vorher, wegen des Überschreitens der Staatsgrenzen mehrerer deutscher Territorien, Aus-, Transit-, Ein- und Rückwanderung zugleich gewesen sein.

Nicht selten überschnitten sich in einem Leben die verschiedensten Wanderungsformen. Vollends unübersichtlich ist die millionenfache Vielfalt von Einzelschicksalen, die wesentlich oder auch entscheidend durch Wanderungen und deren Ergebnis geprägt waren - bewusste Abkehr vom Herkunftsraum und Suche nach einer neuen Heimat in der Fremde, Heimatverlust durch Flucht oder Vertreibung mit lange oder gar dauerhaft fehlender neuer Heimatorientierung, erstrebte Erfolge, jähes Scheitern, stolze Heimkehr für kurze Zeit oder erniedrigende Rückwanderung auf Dauer... -. Die Migrationserfahrungen reichten bis zu den abenteuerlichen und nicht selten sehr kurzen Leben der Kolonialsöldner, Matrosen und Handwerker im ausländischen und besonders im niederländischen Kolonialdienst, lange, bevor es für nur rund drei Jahrzehnte (1884/85 bis 1914/18) auch deutsche Kolonien gab.

Sehr geschichtserfahren und deshalb pragmatisch oder sogar gelassen könnte deshalb der Umgang der Deutschen mit Fragen von Zuwanderung und Eingliederung sein. Aber die Begegnung zwischen Mehrheit und zugewanderten Minderheiten wird in Deutschland durch historische Erinnerung auch erschwert: Zur Geschichte der Deutschen gehörten nicht nur friedliche transnationale Bewegungen und interkulturelle Begegnungen. Sie umfasste auch aggressive Grenzüberschreitungen und die Ausgrenzung von Minderheiten innerhalb Deutschlands sowie, nach der gewaltsamen „Entgrenzung" des eigenen Raumes, auch in anderen europäischen Räumen.

Mehr noch: Es gab auch den - nicht linearen oder folgerichtigen, aber doch erkennbaren - Weg von der völkisch-romantisch verklärten Abgrenzung vom „Fremden" im frühen 19. Jahrhundert über die ethnisch-nationalistische Agitation gegen das „Fremdartige" im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert zum rassistischen Vernichtungskampf gegen das „Artfremde" in der nationalsozialistischen Barbarei. Das grauenhafte Ende dieses Weges war das millionenfache Verbrechen an ethnischen, kulturellen, religiösen und anderen Minderheiten in Deutschland und mehr noch im von Deutschland besetzten Europa. Juden, Sinti und Roma sind die bekanntesten Beispiele. Umso wichtiger ist die aus der Kenntnis der Migrations- und Integrationsgeschichte ableitbare Einsicht, dass kulturelle Toleranz und sozialer Friede bei Zuwanderung, Eingliederung und der Begegnung von Mehrheiten und Minderheiten nur dann gesichert sind, wenn sie als stets neue Aufgabe verstanden werden.

Back up to the top

Überblickt man, von der unübersehbaren Vielfalt der alltäglichen und allgegenwärtigen kleinräumigen Wanderungen einmal abgesehen, die unterschiedlichen Gewichtungen im Wanderungsgeschehen, nach und aus Deutschland von der Frühen Neuzeit bis zum Beginn des 21. Jahrhunderts, dann erkennt man markante säkulare Schwerpunkte: Dazu zählen vor allem die frühneuzeitlichen Zuwanderungen von Glaubensflüchtlingen bzw. Vertriebenen aus Glaubensgründen, die traditionsreichen Siedlungswanderungen nach Ost-, Ostmittel- und Südosteuropa bis ins frühe 19. Jahrhundert und die transatlantische Massenauswanderung bis zum späten 19. Jahrhundert. Es folgt die dann langfristig zunehmende Umkehr der Wanderungsrichtungen in Gestalt der verschiedensten Zuwanderungen nach Deutschland im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert.

Der deutschsprachige Raum war aber in seiner Geschichte selten Aus- oder Einwanderungsland allein, sondern zumeist beides zugleich, allerdings mit gewaltigen Unterschieden in der epochalen Bedeutung der beiden großen Zuwanderungsrichtungen und der damit verbundenen Probleme. Verschaffen wir uns einen knappen Überblick:

Nach den Glaubenskriegen des 16. und 17. Jahrhunderts wurden z.B. Niederländer, Hugenotten, Waldenser und Salzburger als Glaubensflüchtlinge auf dem Gebiet des späteren Deutschen Reiches aufgenommen. Sie waren wegen ihrer besonderen Fähigkeiten und Fertigkeiten, z.B. in der Landwirtschaft und im Manufakturwesen, zum Teil so begehrt, dass geradezu von einer Art konfessionsbedingtem Technologietransfer gesprochen werden kann. Die Eingliederung der Fremden wurde, trotz vieler Reibungen mit den Einheimischen im Alltag aufgrund der verschiedensten Konkurrenzsituationen, entschieden erleichtert durch das Interesse, das zunächst vorwiegend die Obrigkeit dem Neuen von außen entgegen brachte.

Frühe kontinentale Auswanderer aus dem deutschsprachigen Raum waren beispielsweise die Vorfahren jener Siebenbürger Sachsen im heutigen Rumänien, die seit der Mitte des 12. Jahrhunderts in das damalige Königreich Ungarn gerufen und dort angesiedelt wurden. „Sachsen" wurden sie von ihren ungarischen Nachbarn genannt. Sie kamen aber vorwiegend von Rhein und Mosel.

Seit dem 18. Jahrhundert rückten aus dem deutschsprachigen Raum andere Siedlergruppen nach: aus dem südwestdeutschen, aber auch aus dem mitteldeutschen Raum die „Banater Schwaben", aus dem Oberschwäbischen und dem Badischen die „Sathmarer Schwaben". Sie alle sollten durch Siedlung Land erschließen und sichern. Dafür bekamen sie einladende wirtschaftliche und kulturelle Sonderrechte, die allerdings nicht von Dauer waren. Auch anderenorts in Südost-, Ostmittel- und Osteuropa hatten Einwanderer aus dem deutschsprachigen Raum lange Zeit Siedlungsgebiete inne, die mit besonderen Rechten ausgestattet waren.

Viele Spuren erloschen erst im Jahrhundert der Weltkriege - durch Zwangsumsiedlungen, kulturelle Unterdrückung und zuletzt durch die Ausreise derer, die seit dem späten 20. Jahrhundert als „Aussiedler" bzw. „Spätaussiedler" (seit 1993) nur scheinbar in die Heimat der Vorfahren zurückkehren und in Wirklichkeit Deutsche und Einwanderer zugleich sind.

Back up to the top

Erst seit den 1830er-Jahren überwog die transatlantische Massenauswanderung - die in der zweiten Jahrhunderthälfte zu rund 90 Prozent in die Vereinigten Staaten von Amerika führte - den kontinentalen Oststrom. Als nächstwichtige überseeische Auswanderungsziele folgten mit weitem Abstand Kanada, Brasilien, Argentinien und Australien. 1816 bis 1914 wanderten rund 5,5 Millionen und seither nochmals mehr als zwei Millionen Deutsche in die Vereinigten Staaten aus. Die in Deutschland geborene Bevölkerung der USA stellte 1820 bis 1860 mit rund 30 Prozent nach den Iren die zweitstärkste, 1861 bis 1890 sogar die stärkste Einwanderergruppe in den Vereinigten Staaten. Bei Umfragen im Jahr 1979 meinten rund 26 Prozent der befragten Bevölkerung, mindestens teilweise deutsche Vorfahren zu haben.

Eine der wichtigsten Antriebskräfte für die transatlantische Massenauswanderung des 19. Jahrhunderts entstand in Deutschland aus dem Missverhältnis von Bevölkerungswachstum und Erwerbsangebot während der Übergangskrise von der Agrar- zur Industriegesellschaft: Es gab schlichtweg zu viele Menschen und zu wenig Arbeit. Dieses Missverhältnis prägte sich regional ganz unterschiedlich aus. Hinzu trat bald eine gewaltige Eigendynamik des Wanderungsgeschehens. Sie entfaltete sich über transatlantische Migrationsnetzwerke, d. h. private Kommunikationssysteme, die europäische Herkunftsräume und überseeische Zielgebiete in steter Verbindung hielten, vor allem durch die im gesamten Verwandten- und Bekanntenkreis kursierenden „Auswandererbriefe". Die Auswanderungen begannen als „Kettenwanderungen" gewissermaßen ihren eigenen Spuren zu folgen und wurden in Gang gehalten durch eine immer dichter werdende transatlantische Kommunikation mittels der „Auswandererbriefe" und bald fest eingeschliffener überseeischer Wanderungstraditionen. Sie verbanden bestimmte Regionen und sogar Gemeinden mit anderen in der Neuen Welt - z.B. Melle im Osnabrücker Land mit „New Melle" am Missouri.

Die einzelnen Hauptausgangsräume der überseeischen Auswanderung traten unterschiedlich früh bzw. spät in das transatlantische Migrationsgeschehen: Es begann früh im deutschen Südwesten und fand im späten 19. Jahrhundert schließlich seinen letzten Schwerpunkt im vorwiegend ländlichen Nordostraum des Reiches.

Beim deutschen Traum von „Amerika" überschnitten sich die verschiedensten Hoffnungen, Erwartungen und Gegenbilder mit der Wirklichkeit im Auswanderungsland. Eindeutig dominierten aber ökonomische und soziale Motive und Ziele. Das war ein deutlicher Gegensatz zum 18. und frühen 19. Jahrhundert, als neben den wirtschaftlich und sozial bedingten vor allem religiös und sozialutopisch motivierte Gruppenwanderungen zu beobachten waren. Diese umschlossen mitunter gesamte kleinere Glaubensgemeinschaften und sogar Siedlungsgemeinden. In der transatlantischen Massenbewegung des 19. Jahrhunderts hingegen waren die meisten deutschen Auswanderer, im Jargon der Gegenwart gesprochen, „Wirtschaftswanderer". Dieser durchaus positive Begriff umschrieb die in den Vereinigten Staaten willkommenen leistungsstarken, erwerbs- und aufstiegsorientierten Einwanderer. Sie sind in den europäischen Zuwanderungsländern heute meist nur in ganz bestimmten Bereichen noch erwünscht, während viele Asylsuchende und Flüchtlinge, zum Teil durchaus zu Recht, der „Wirtschaftsflucht" verdächtigt werden. So ist aus einer positiv besetzten Kategorie bei der Zuschreibung von Migranteneigenschaften vielfach eine denunziative Bezeichnung geworden.

Back up to the top

„Hochflut" in der transatlantischen Massenbewegung herrschte in den fünf Jahrzehnten von 1846 bis 1893 mit oft über 100000, in den 1850er- und 1880er-Jahren auch über 200000 Auswanderern im Jahr. Von 1880 bis 1893 wurden noch fast 1,8 Millionen Überseeauswanderer in Deutschland gezählt. Dann lief die säkulare transatlantische Massenauswanderung des 19. Jahrhunderts aus. Das wachsende Potenzial von Erwerbspersonen wurde in der Hochindustrialisierungsperiode zunehmend absorbiert vom sprunghaft steigenden Erwerbsangebot im Reich, denn die wirtschaftliche Wachstumsperiode, die Mitte der 1890er-Jahre einsetzte, hielt über zwei kurze Kriseneinbrüche (1900/02, 1907/08) hinweg bis zum Vorabend des Ersten Weltkriegs an. Die Anziehungskraft des überseeischen Haupteinwanderungslandes trat zurück hinter das stark wachsende Chancenangebot auf den Arbeitsmärkten im Auswanderungsland selbst. Die überseeische Auswanderung blieb von den frühen 1890er-Jahren bis zum Ersten Weltkrieg auf niedrigem Niveau und schwenkte gewissermaßen ein in den Strom der Binnenwanderungen aus ländlichen in städtisch-industrielle Arbeits- und Lebenswelten.

Nachgerade gegenläufig zum Steilabsturz der deutschen Massenauswanderung stieg Anfang der 1890er-Jahre die ost-, ostmittel-, südost- und südeuropäische Amerika-Auswanderung zur Massenbewegung auf. In Deutschland nannte man sie „Durchwanderung", in den Vereinigten Staaten abfällig „Neue Einwanderung" („New Immigration"), im Gegensatz zu der „klassischen" Einwanderung aus West-, Mittel- und Nordeuropa. Je mehr die deutsche Überseeauswanderung seit Anfang der 1890er-Jahre zurückging, desto wichtiger wurde für die hanseatischen Transatlantiklinien diese von der internationalen Überseeschifffahrt in harter Verdrängungskonkurrenz umkämpfte Transitwanderung. Sie wurde in ihren Ausgangsräumen von einem legal und illegal operierenden Heer von Auswanderungsagenten umworben und rücksichtslos stimuliert.

Um die deutschen Auswandererschiffe zu füllen, übernahmen Agenten deutscher Schifffahrtslinien in den ost-, ostmittel- und südosteuropäischen Auswanderungsräumen dabei jene Rolle, die strafrechtlich verfolgte nordamerikanische Auswanderer-Werber im 19. Jahrhundert in Deutschland gespielt hatten - nicht minder erfolgreich, nicht minder bedenkenlos in ihren Werbemethoden und deswegen ebenso beargwöhnt von den Regierungen der Auswanderungsländer. Bis zum Ersten Weltkrieg passierten mehr als fünf Millionen Auswanderer aus Russland (besonders Polen und Juden) und aus Österreich-Ungarn das Reich auf dem Weg zu den Seehäfen. Die meisten schifften sich in Hamburg und Bremen mit dem Ziel der Vereinigten Staaten ein.

Die scharf ansteigende „New Immigration" stieß in den Vereinigten Staaten seit den 1890er-Jahren auf eine wachsende Abwehr. Das galt besonders seit der Erfahrung, dass selbst die schwere Wirtschaftskrise Anfang der 1890er-Jahre („panic of 1893"), die z. B. die deutsche Massenauswanderung in die Neue Welt endgültig abstürzen ließ, die „New Immigration" nur unbedeutend reduzierte. Ökonomische und soziale Ängste sowie Fremdenfeindlichkeit der im Lande Geborenen verbanden sich mit religiös-kulturellen Abgrenzungen, politisch-ideologischen Projektionen und rassistischen Vorurteilen zu einer aggressiven Mischung. Seit den 1890er-Jahren wurden deshalb die Forderungen nach Einwanderungsrestriktionen immer lauter. Sie fanden ihren Höhepunkt in der Diskussion um den nach dreieinhalbjähriger Untersuchungstätigkeit 1911 veröffentlichten Abschlussbericht der „Dillingham Commission". Dieser stellte in den Vereinigten Staaten eine entscheidende Wegmarke in der Einwanderungsdiskussion dar und führte schließlich zur Quotengesetzgebung der 1920er-Jahre, welche die Einwanderung stark beschränkte.

Back up to the top

Der zentrale Angelpunkt in dem gewaltigen Umbruch im transnationalen Wanderungsgeschehen um die Jahrhundertwende aber war in Deutschland der Wandel von der transatlantischen Auswanderung auf Dauer zur kontinentalen Zuwanderung auf Zeit, die das Reich, dem Schwergewicht der Migrationsbewegungen nach, innerhalb weniger Jahre vom Auswanderungsland zum „zweitgrößten Arbeitseinfuhrland der Erde" nach den Vereinigten Staaten werden ließ.

In diesem Zusammenhang entfaltete die Zuwanderung in die Industrieregion des Ruhr- und Emscherreviers geradezu magnetische Anziehungskräfte und sog auch Fernwanderungen wie insbesondere diejenigen der „Ruhrpolen" und „Ruhrmasuren" an. Nach dem Erlöschen des migratorischen „Nordsee-Systems", das vom 17. bis zum frühen 19. Jahrhundert im nordwesteuropäischen Küstenraum pulsiert und aus Nordwestdeutschland die traditionsreichen jährlichen Saisonwanderungen der „Hollandgänger" angezogen hatte, kehrten sich auch innerhalb des nordwesteuropäischen Raumes die Wanderungsbewegungen um: An die Stelle von „Hollandgängern" aus Nordwestdeutschland traten niederländische „Preußengänger". Vor dem Ersten Weltkrieg stellten sie neben Polen und Italienern eine der stärksten Nationalitätengruppen unter den ausländischen Arbeitswanderern im Reich.

Im kaiserlichen Deutschland, das an die Spitze der Weltwirtschaft drängte, kehrte sich im späten 19. Jahrhundert die Angebot-Nachfrage-Spannung auf dem Arbeitsmarkt, die vordem die wichtigste wirtschaftliche Antriebskraft der überseeischen Auswanderung gewesen war, geradewegs um: „Leutenot" in der Landwirtschaft, „Arbeiternot" in Industrie-, Straßen- und Kanalbau steigerten seit den 1890er-Jahren die landwirtschaftlichen Saisonwanderungen und industriellen Arbeitswanderungen aus dem europäischen Ausland nach Deutschland zur Massenbewegung. Die Jahrzehnte vor dem Ersten Weltkrieg brachten so den Umbruch vom transatlantischen Massenexodus deutscher Auswanderer zur kontinentalen Massenzuwanderung ausländischer Arbeitswanderern. Das Reich blieb aber Auswanderungsland und wurde zugleich „Arbeitseinfuhrland".

Die „Leutenot" als Folge überseeischer Auswanderung und Abwanderung nach Westen wurde zuerst in ostelbischen Gutsdistrikten mit ihren Großbetrieben zum Problem. Den betriebswirtschaftlich kostengünstigsten Ausweg bot hier die Rekrutierung absolut oder relativ „billiger und williger" Arbeitskräfte jenseits der preußischen Ostgrenzen. Es waren, trotz der maskulinen Rede von den „ausländischen Wanderarbeitern", oft - im Hackfruchtbau (Kartoffeln, Rüben) bis zur Hälfte - Frauen, während die in der Regel zweisprachigen „Kolonnenführer", die „ihre" Kolonnen zuweilen erbärmlich unterdrückten und mitunter auch durch „Lohnverwaltung" zusätzlich ausbeuteten, durchweg männlich waren.

Die ausländischen Arbeitskräfte waren im preußischen Osten anfangs absolut „billig" aufgrund von Niedriglöhnen, die einheimische Arbeitskräfte bei wachsenden Alternativangeboten im Westen immer weniger akzeptierten. Nach der Jahrhundertwende kam es zwar auch hier schrittweise zu einer tendenziellen Annäherung der Lohnniveaus. Einheimische Arbeitskräfte aber konnten auch damit nicht mehr in größerer Zahl zurückgewonnen werden, insbesondere wegen der Arbeitsbedingungen, die zunehmend durch Akkordlöhne bestimmt waren. Zusätzlich relativ „billig" waren die ausländischen Arbeitskräfte aufgrund von Saisonverträgen ohne unproduktive Lohnkosten, wie sie außerhalb der Saison für dauerhaft beschäftigte einheimische Kräfte anfielen. „Willig" erschienen sie wegen der wirtschaftlichen und sozialen Lage in ihren Herkunftsgebieten, die sie auch Lohn- und Arbeitsbedingungen akzeptieren ließen, die einheimischen Arbeitskräften zusätzlich Anlass waren, dem Lohnsog des Westens zu folgen.

Back up to the top

So meldete die Landwirtschaft im Osten wachsenden Ersatzbedarf, die Industrie im Westen, aber auch Straßen- und Kanalbau steigenden Zusatzbedarf an Arbeitskräften. Damit wuchs seit den 1890er-Jahren die Ausländerbeschäftigung in Deutschland und vor allem in Preußen zur Massenbewegung an. Sie erreichte ihren Höchststand 1914 mit etwa 1,2 Millionen „ausländischen Wanderarbeitern". Die meisten davon arbeiteten in Preußen: Drei Viertel bis vier Fünftel aller „Deutschlandgänger" im Kaiserreich waren „Preußengänger". Die wichtigsten Gruppen stellten in Preußen Polen aus dem russischen Zentralpolen, in geringerem Umfang auch aus dem österreichisch-ungarischen Galizien, sowie Italiener, die besonders in Ziegeleibetrieben und im Tiefbau, aber auch im Bergbau und in der industriellen Produktion Beschäftigung fanden.

Die Auslandspolen arbeiteten vor allem in der Landwirtschaft. Eine Sondergruppe bildeten russisch-polnische Bergarbeiter, die im oberschlesischen Montandistrikt mit preußisch-polnischen Bergleuten zusammentrafen: Auslandspolen waren in der preußischen Montanindustrie nur im Osten zugelassen, wo die Abwanderung in den Westen das Angebot an einheimischer Arbeitskraft dezimierte. Was hier, trotz aller Furcht vor einer „Polonisierung des Ostens" (Max Weber), zögernd genehmigt wurde, blieb in den mittleren und westlichen preußischen Provinzen, vor allem im Ruhrgebiet, verboten: Blockiert werden sollte damit eine „Polonisierung des Westens" durch ein Zusammentreffen auslandspolnischer Berg- und Industriearbeiter mit aus dem preußischen Osten ins Ruhrgebiet zugewanderten „Ruhrpolen", die polnischer Nationalkultur, aber preußisch-deutscher Staatsangehörigkeit waren und deshalb nicht an der Abwanderung in die westliche Montanindustrie gehindert werden konnten.

Das alles hatte sicherheitspolitische Hintergründe. In der Wanderarbeiterfrage kollidierten in Preußen ökonomische und politische Interessen: Dem ökonomischen Interesse an der Deckung des Ersatz- und Zusatzbedarfs auf dem Arbeitsmarkt durch ausländische Kräfte diametral entgegen stand das politische Interesse an einer Eindämmung der vorwiegend polnischen Zuwanderung in die preußischen Ostprovinzen. Die antipolnische „preußische Abwehrpolitik" war bestimmt durch die nervöse Skepsis gegenüber revolutionären Träumen preußischer, russischer und österreichisch-ungarischer Polen von der Auferstehung eines polnischen Nationalstaats. Das war 1885 auch der politische Hintergrund für die Massenausweisung ausländischer Polen gewesen, die seit Jahren, zum Teil schon seit Jahrzehnten in den preußischen Grenzdistrikten gelebt oder doch gearbeitet hatten, und für das anschließende Zuwanderungsverbot.

Die katastrophale „Leutenot" im preußischen Osten nötigte seit Ende der 1880er-Jahre zur Suche nach einer Quadratur des Kreises, nach einer Lösung, welche die ökonomischen Interessen befriedigen sollte, ohne die Strategie der antipolnischen Sicherheitspolitik zu gefährden: Es ging darum, den nötigen Arbeitskräftezustrom aus dem östlichen Ausland nicht zur Einwanderung geraten zu lassen, sondern in den Bahnen transnationaler Saisonwanderung zu halten und dabei insbesondere die Auslandspolen scharf zu überwachen. Ergebnis war das seit Anfang der 1890er-Jahre in Preußen entwickelte und 1907 abgeschlossene System der restriktiven Ausländerkontrolle mit dem „Legitimationszwang" und dem „Rückkehrzwang" in der winterlichen „Karenzzeit".

Back up to the top

„Legitimationszwang" bedeutete verschärfte Ausländerkontrolle bei befristeten und jährlich neu zu beantragenden Arbeits- und Aufenthaltsgenehmigungen. Die auslandspolnischen Arbeitswanderer wurden im Frühjahr willkommen geheißen. Ihre Zuwanderung, von welcher der landwirtschaftliche Arbeitsmarkt im preußischen Osten zunehmend abhängiger geworden war, sollte, wie den Grenzbehörden immer wieder eingeschärft wurde, auf keinen Fall behindert werden, selbst wenn sie, wegen der Behinderung durch die russischen Behörden, bis zur Grenze illegal erfolgt war. Die auslandspolnischen Arbeitskräfte aber sollten nicht Einwanderer werden, sondern bleiben, was sie waren - „ausländische Wanderarbeiter". Sie mussten daher, bei Strafe von Ausweisung und Abschiebung, preußisches Staatsgebiet vor Weihnachten wieder verlassen und in ihre Herkunftsgebiete zurückkehren.

Ergebnis der Verschränkung von Legitimations- und Rückkehrzwang war die charakteristische „Fieberkurve" der vorwiegend auslandspolnischen Arbeitswanderung aus dem östlichen Ausland nach Preußen mit dem Steilanstieg im Frühjahr, dem Höhepunkt in der sommerlichen Hochsaison und dem Steilabfall zu Beginn der winterlichen Sperrfrist. Arbeitgeber im Saisonsektor Landwirtschaft hatten damit weniger Probleme. Hingegen kämpften Industrielle und gewerbliche Arbeitgeber meist vergeblich um Ausnahmegenehmigungen für die Beschäftigung auslandspolnischer Arbeitskräfte auch über die Jahresgrenze hinweg.

Die preußische Abwehrpolitik zielte zwar primär auf die polnische Mehrheit der Arbeitswanderer im preußischen Osten. Sie bezog aber auch alle anderen ausländischen Arbeitswanderer in ihr Kontrollsystem ein, und dies nicht nur in Preußen selbst, sondern auch in den Bundesstaaten, die das preußische Modell übernahmen, mit dem das Ausweichen der scharf kontrollierten auslandspolnischen Arbeitskräfte über binnendeutsche Landesgrenzen vermieden werden sollte. Kontrolle war freilich nur für auslandspolnische Arbeitskräfte gleichbedeutend mit einer Reglementierung von Aufenthalt und Beschäftigungsbereichen: Italienische Arbeitswanderer z. B. konnten sich über die deutschen Grenzen und auf dem Arbeitsmarkt im Reich frei bewegen, aber auch ihre Arbeitswanderung fluktuierte stark.

Die misstrauisch observierten auslandspolnischen Arbeitswanderer wurden ohnehin nur als einzelne Arbeitskräfte und nicht im Familienverband zugelassen. Kinder hatten keinen Zutritt, Männer und Frauen wurden in den Arbeitskolonnen getrennt. Schwangerschaft war, als vertragswidrige Beeinträchtigung der Arbeitskraft, ein Grund für Ausweisung der Schwangeren auf eigene Kosten durch Lohnabzug sowie für Reklamation und Ersatzforderung bei der in- oder ausländischen Vermittlungsagentur. Zu den wenig ergebnisreichen Versuchen, auslandspolnische durch andere ausländische Arbeitskräfte zu ersetzen, gehörten Bemühungen um eine verstärkte Anwerbung von Ruthenen (Ukrainern) aus Galizien und um „Deutschstämmige" aus deutschen Siedlungsgebieten in Ost-, Südost- und Ostmitteleuropa.

Legitimations- und Rückkehrzwang bedeuteten für die auslandspolnischen „Preußengänger" Mobilisierung und Immobilisierung zugleich. Mobil gehalten durch den jährlichen Rückkehrzwang, wurden sie auf dem Arbeitsmarkt in Preußen zugleich durch den Legitimationszwang immobilisiert; denn die „Legitimationskarte", der einzig gültige Inlandsausweis ausländischer Arbeitskräfte, enthielt zwei Namen: den der ausländischen Arbeitskraft und den des inländischen Arbeitgebers, an den die ausländische Arbeitskraft für die Zeit ihrer Aufenthalts- und Arbeitsgenehmigung bei Strafe der Ausweisung gebunden blieb und dem die Karte bei der Ankunft auszuhändigen war.

Back up to the top

Ausländische Arbeitskräfte, die ohne „Legitimationskarte" angetroffen wurden, konnten folglich nur „kontraktbrüchig" oder aber illegal im Lande sein und mussten damit rechnen, „auf den Schub" (polizeiliche Abschiebung) zu kommen, während die Namen der von Arbeitgebern als „Kontraktbrecher" gemeldeten Arbeitskräfte wegen illegalen Aufenthalts in die polizeilichen Fahndungslisten einrückten. Die Praxis funktionierte freilich, selbst bei den beargwöhnten Inhabern der besonders auffällig markierten „roten Polenkarten", nicht so perfekt, wie das Verordnungs- und Kontrollsystem erscheinen mochte: „Kontraktbrecher" hatten nicht selten gefälschte Zweitpapiere bei sich und meldeten sich unter anderem Namen bei einem neuen Arbeitgeber - dem eigene „Leutenot" oder gar gerade selbst erlebter „Kontraktbruch" Anlass genug waren, nicht zu viele Fragen zu stellen.

Die Legitimation der ausländischen Arbeitswanderer war Aufgabe der halbamtlichen „Preu- ßischen Feldarbeiterzentrale", die, nach einigen organisatorischen Fehlstarts, schließlich 1907 etabliert wurde und später „Deutsche Arbeiterzentrale" hieß. Das halbamtliche Unternehmen war ein Zwitter - eine Privatfirma mit amtlichen Funktionen, die zunächst in Preußen, dann auch im Reich insgesamt, alle ausländischen Arbeitswanderer an der Grenze „legitimierte", obgleich sie nur einen Teil davon selbst vermittelte: Sie finanzierte sich selbst durch die Gebühren der Legitimation, für die sie seit 1907 das Monopol hatte, und arbeitete unter staatlicher Aufsicht, aber ohne parlamentarische Kontrolle. Das Legitimationsmonopol der Zentrale erleichterte die Kontrolle der Massenbewegungen über die preußischen Ostgrenzen: Weil die ausländischen Arbeitswanderer an der Grenze ihre Legitimationskarte bzw. eine vorläufige „Interimskarte" für die Reise bis zum Arbeitgeber in Empfang zu nehmen hatten, genügte es, im Grenzgebiet von der Zentrale geleitete so genannte Grenzämter einzurichten, die die entsprechenden Formulare bereithielten. 1913 verfügte die Zentrale über insgesamt 39 Grenzämter mit großen Barackenlagern, die zusammen täglich bis zu 10000 Menschen aufnehmen konnten. In Preußen selbst kooperierte die Zentrale eng mit Meldeämtern und Polizeidienststellen.

Weil die stärksten, aus dem östlichen Ausland stammenden Kontingente hier und in den Bundesstaaten, die das preußische Modell übernahmen, dem jährlichen Rückkehrzwang unterlagen, war die preußische Regelung folgenreich für die Struktur der Ausländerbeschäftigung im Kaiserreich insgesamt: Im Europa des frühen 20. Jahrhunderts war zwar ganz allgemein eine stete Zunahme der kontinentalen Arbeitswanderungen neben den meist definitiven transatlantischen Auswanderungen zu beobachten. Aber es war doch vorwiegend diesen direkten staatlichen Interventionen zuzuschreiben, dass sich das Reich im Vorkriegsjahrzehnt nicht vom Aus- zum Einwanderungsland wandelte, sondern nur zum nach den USA „zweitgrößten Arbeitseinfuhrland der Erde" (Ferenczi).

Das Lohnniveau der ausländischen Arbeitskräfte begann sich seit der Jahrhundertwende, bei großen Unterschieden zwischen Regionen und Beschäftigungsbereichen, tendenziell demjenigen einheimischer anzugleichen; aber die Arbeitsbedingungen blieben deutlich verschieden, vor allem dort, wo ausländische Arbeitswanderer in großer Zahl auftraten: Es herrschten härteste Arbeitsbedingungen im ganztägigen Ernteakkord während der landwirtschaftlichen Hochsaison bzw. bei nicht selten 16- bis 18-stündigen Arbeitstagen in Ziegeleien. Die Einhaltung von Arbeitszeitverordnungen und Schutzvorschriften - z. B. des Verbots, Frauen und Kinder als billige Handlanger im Ziegeleiakkord einzusetzen - wurde bei der Beschäftigung ausländischer Arbeitskräfte kaum kontrolliert. Miserabel war und blieb in den Ziegeleien meist auch deren Unterbringung, während sie sich in der Landwirtschaft nach der Jahrhundertwende dort besserte, wo die großen „Schnitterkasernen" gebaut wurden.

Back up to the top

In Preußen bildete sich so in den beiden Jahrzehnten vor dem Ersten Weltkrieg in Landwirtschaft, Tiefbau und Montanindustrie ein doppelter Arbeitsmarkt heraus. Auf seiner internationalisierten unteren Ebene verrichteten ausländische Arbeitskräfte häufig die am wenigsten geschätzten Schwerstarbeiten. Das galt im Tiefbau für den im Dauerakkord schaufelnden Kanalarbeiter, in der Landwirtschaft für die im Ernteakkord stehenden männlichen „Schnitter", weiblichen „Rübenzieher" und „Kartoffelbuddler". Es galt für den gleichfalls im Akkord Tonklumpen in Formen pressenden „Handformer" in der Ziegelei, aber auch in der Montanindustrie für den „Schlepper" zwischen Abbauort und Strecke unter Tage und den „Feuermann" in Kokerei und Hochofenglut. 1907 waren 54 Prozent der deutschen, aber nur 29 Prozent der ausländischen Arbeiterschaft aus Russland, Italien und Österreich-Ungarn in der deutschen Industrie in „gelernter" Stellung tätig. Bei erheblichen Unterschieden zwischen den einzelnen Ausländergruppen lag der Anteil der „Ungelernten" bei ausländischen um 42 Prozent, im Baugewerbe sogar um 81 Prozent höher als bei deutschen Arbeitskräften, wobei die beruflich-soziale Stellung am niedrigsten dort war, wo ausländische Arbeitskräfte in großer Zahl Beschäftigung fanden.

Selbst eine auf die Bekämpfung der Arbeitslosigkeit und auf die Einschränkung der Ausländerbeschäftigung abstellende Studie räumte 1918 ein: „Die Tatsache, dass inländische Arbeitslose vorhanden sind, darf keineswegs von vornherein die Einführung von Ausländern in allen Fällen ausschließen; es gibt gewisse schwere und schmutzige Arbeiten, z. B. im Tiefbau, denen im Allgemeinen inländische Arbeitskräfte auf die Dauer nicht gewachsen sind und die auch von ihnen überhaupt nicht oder nur vorübergehend angenommen werden." Bei der Ausländerbeschäftigung im Bergbau wiederum habe man sich bislang „streng" an gewisse „Grundsätze" gehalten, berichtete 1911 das Königliche Oberbergamt in Breslau, nämlich daran, „die ausländischen Arbeiter, da sie ungeübt und wenig intelligent sind, ausschließlich zu den schlechter bezahlten, nur geringe oder keine Geschicklichkeit erfordernden Arbeiten zu verwenden, den einheimischen Leuten dagegen die lohnenderen, aber mehr Überlegung und Gewandtheit erfordernden Arbeiten zu übertragen".

Der Agrarökonom Sartorius von Waltershausen folgerte 1903 schroff: „Die genannten Arbeiten sind anstrengend, vielfach die Gesundheit aufreibend, oft schmutzig und widerlich und werden daher in denjenigen Gebieten, wo die Arbeiterschaft verweichlicht oder bequem geworden ist und vermöge ihrer politischen Selbstherrlichkeit einen Anspruch auf leichtere Arbeit zu haben glaubt, gern abgelehnt, wenn sich nur irgend eine angenehmere Tätigkeit finden lässt." So entstehe eine subproletarische ausländische „Arbeiterschicht zweiten Grades", deren Zugehörige in Deutschland Funktionen erfüllten, wie sie „der Neger in den nordamerikanischen Oststaaten, der Chinese in Kalifornien, der ostindische Kuli in Britisch-Westindien, der Japaner in Hawaii, der Polynesier in Australien" übernehme.

Hinzu kamen konjunkturelle Pufferfunktionen der ausländischen Reservearmee: Beim Wechsel zwischen Hoch- und Tiefkonjunktur, wusste das Preußische Handelsministerium schon 1885, brauche die Industrie „eine gewisse Ausdehnungsmöglichkeit in Bezug auf die Arbeiterzahl". Konkret: „Beschränkte man die Industrie auf inländische Arbeiter, so würde bei einem Rückgang der Industrie eine größere Anzahl von Arbeitern brotlos und vermehrten sie dadurch die unzufriedenen Elemente. Dagegen könne man ausländische Arbeiter in solchen Fällen ohne weiteres abstoßen." Ganz entsprechend bestätigte das Breslauer Oberbergamt 1911: „Insoweit eine Reduktion der Belegschaft zu gewissen Zeiten oder in gewissen Industriezweigen sich als notwendig herausstellte, erfolgte zunächst ausschließlich die Abstoßung der Ausländer."

Insgesamt deckte die landwirtschaftliche und industrielle Reservearmee ausländischer Arbeitskräfte im Kaiserreich also den Ersatz- und Zusatzbedarf auf dem Arbeitsmarkt. Außerdem erfüllte sie Pufferfunktionen im Wechsel von Aufschwung und Krise, was z. B. deutlich am Rückgang der Ausländerbeschäftigung in den beiden kurzen, aber harten Depressionsphasen von 1900/02 und 1907/08 ablesbar ist.

Wirtschaft und Gesellschaft des Kaiserreichs standen im Zeichen des Übergangs vom Agrarstaat mit starker Industrie zum Industriestaat mit ausgeprägter agrarischer Basis. Ohne die ausländischen Arbeitswanderer wäre der Wandel vom Agrar- zum Industriestaat mit seinen tief greifenden sozialen Veränderungen im Kaiserreich wohl nicht wesentlich anders, aber sicher erheblich härter ausgefallen.

Back up to the top

1.1 Ein Auswanderungsland wird „ Arbeitseinfuhrland" - Deutschland im 19. und frühen 20. Jahrhundert

1.2 „Feindliche Ausländer" im Ersten Weltkrieg

1.3 Migration und Protektionismus in der Zwischenkriegszeit

1.4 Arbeitsmarktkontrolle und Zuwanderungsbegrenzungspolitik

1.5 Flucht, Vertreibung und Emigration als Massenphänomene

1.6 Flucht, Deportation und Zwangsarbeit im Zweiten Weltkrieg

FAQs: Migration  FAQs: Migration