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Flüchtlinge im Aufbruch zu Qualifizierung und Arbeitsmarkt?

 

Maren Gag

„Szenarien der Abwehr von Flüchtlingen werden sich durch - noch so beispielhafte - Initiativen einzelner Akteure der Aufnahmegesellschaft nicht beheben lassen. Hierzu bedarf es eines politischen Paradigmenwechsels, der die bisherige Politik der Zurückweisung und Integrationsverweigerung durch eine Politik der Anerkennung und sozialen Integration ersetzt. Von einer solchen Politik wären deutliche Entlastungseffekte zu erwarten: Entlastung für die betroffenen, ohnehin vielfach traumatisierten Menschen, Entlastung aber auch für die Aufnahmegesellschaft, mit deutlich befriedenden integrativen Konsequenzen“ (Peter Kühne, Zur Lage der Flüchtlinge in Deutschland, Bonn [Friedrich-Ebert-Stiftung] 2001).

Kriegerische Auseinandersetzungen, politische Verfolgung oder wirtschaftliche Armut jenseits des Existenzminimums sind weltweit die Ursachen für Flucht und Migration. Es ist unter Expert/innen inzwischen anerkannt, dass niemand sein Heimatland freiwillig verlässt, sondern nur deshalb flüchtet, weil für ihn die Lebensperspektive so bedrohlich ist, dass das Risiko in einem Boot im Meer zu ertrinken, sich Schleppern anzuvertrauen, oder sich menschunwürdiger Prostitution auszusetzen zwangsläufig in Kauf genommen wird.

Die Zahl der Asylbewerber/innen und Flüchtlinge ist in Deutschland in den letzten 10 Jahren kontinuierlich gesunken. Im Bundesgebiet leben zur Zeit ca. 227.000 Menschen mit einer Duldung (2003), jährlich wurden im vergangenen Jahr 67.848 Asylanträge gezählt (Erstanträge und Folgeanträge). Im Mai 2004 wurden in Deutschland 2.609 Asylerstanträge gestellt. Damit ist die Zahl der Asylbewerber/innen im Vergleich zum Vorjahresmonat 2003 um 1.149 Personen (30,6%) zurückgegangen. Besonders signifikant ist die Zahl der Jugendlichen bzw. Jungerwachsenen: Danach sind von den Erstantragstellern in 2003 insgesamt 19,1% zwischen 18 und 25 Jahre alt gewesen (Bundesamt für die Anerkennung von Flüchtlingen).

Asylbewerber/innen und Flüchtlinge sind europaweit in einem hohen Maße der Benachteiligung auf dem Arbeitsmarkt ausgesetzt - mehr noch als Migrantinnen und Migranten.

Die Merkmale der strukturellen Problemlage in Deutschland sind:

1 Gemeinschaftsinitiative EQUAL - Eine Chance für Flüchtlinge

2 Entwicklungspartnerschaft im Themenbereich Asyl - ein Beispiel aus Hamburg

3 Welche Zwischenergebnisse können wir aus Sicht der Hamburger Praxis bilanzieren?

4 Mit der Wirtschaft in einem Boot

5 Frauen haben eine wichtige Schlüsselrolle in der Familie

6 Alle ziehen an einem Strang

7 Freizügigkeit guter Konzepte

8 Mehr Grenzen als Chancen!

9 Exkurs : Qualifizierung auch für Mulitplikator/innen - ein Angebot

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1 Gemeinschaftsinitiative EQUAL - Eine Chance für Flüchtlinge

Die GI EQUAL verfolgt das Ziel, mehr und bessere Arbeitsplätze zu schaffen und sicherzustellen, dass niemandem der Zugang zu diesen Arbeitsplätzen verwehrt wird. Im Rahmen von EQUAL werden daher neue Methoden zur Bekämpfung von Diskriminierung und Ungleichheiten jeglicher Art im Zusammenhang mit dem Arbeitsmarkt gefördert und erprobt (Programm der Gemeinschaftsinitiative EQUAL 2000-2006 in der Bundesrepublik Deutschland).

Der Themenbereich V in der europäischen Gemeinschaftsinitiative EQUAL - die Förderung von Asylbewerber/innen - ist aus deutscher Perspektive von besonderer Bedeutung: Erstmalig sind Asylbewerber/innen und bleiberechtsungesicherte Flüchtlinge ausdrücklich Zielgruppe eines solchen Programms.

In Bezug auf die Entwicklung und Erprobung neuer Konzepte und Methoden zur beruflichen Qualifizierung und Arbeitsmarktintegration von Flüchtlingen wird folgender Frage nachgegangen: Inwieweit kann diese Gruppe mit ihren Ressourcen, die sie mitbringen und das sind - gerade bei Flüchtlingen vielfach Mehrsprachigkeit, Qualifikation und Berufserfahrung (sofern es sich um Erwachsene handelt) - beruflich soweit angepasst oder weiterqualifiziert werden, dass sie zu einem gesellschaftlichen Mehrwert beitragen ? Mit diesem arbeitsmarktpolitischen Experiment, ihre Beschäftigungsfähigkeit herzustellen für die Nutzung in Deutschland, in ihrem Herkunftsland oder in einem Drittland ist eine wichtige Zukunftschance für Flüchtlinge verknüpft, ein anerkannteres Leben zu führen und zu ihrem Lebensunterhalt selbst beizutragen.

EQUAL ist ein ESF-Programm der Förderperiode 2000-2006, es wird als Gemeinschaftsinitiative in allen Mitgliedsstaaten der EU umgesetzt. In Deutschland beträgt das Fördervolumen ca. 514 Millionen Euro, 7% der Mittel werden für den Themenbereich Asyl aufgewandt. In der im Moment laufenden ersten Förderperiode wurden insgesamt 109 Entwicklungspartnerschaften bewilligt, die in fünf Themenschwerpunkten arbeiten, davon gehören acht zum Themenbereich Asyl. Gefördert werden keine Einzelprojekte, sondern Entwicklungspartnerschaften - d.h. regionale bzw. sektorale Netzwerke, die unterschiedliche Akteure in einen Arbeitszusammenhang einbinden.

2 Entwicklungspartnerschaft im Themenbereich Asyl - ein Beispiel aus Hamburg

Die Hamburger Entwicklungspartnerschaft „Qualifizierungsoffensive für Flüchtlinge und Asylbewerber/innen in Hamburg“ ist eine von ca. 40 in den europäischen Ländern, die im Themenbereich Asyl bewilligt wurden. Das Projekt ist konzipiert worden, um neue Modelle von Qualifizierungs- und Kooperationskonzepten in der Stadt Hamburg zu erproben. Die Entwicklungspartnerschaft ist ein Zusammenschluss verschiedener Akteure aus Flüchtlingsberatungsstellen, Jugendhilfeträgern, ausländischen Vereinen, Beschäftigungs- und Bildungsträgern sowie schulischen Einrichtungen. Ebenso beteiligt sind Hamburger Fachbehörden, die Bundesagentur für Arbeit, die Handwerkskammer und Wirtschaftsbetriebe.

16 Teilprojekte, die bis Mitte 2005 durchgeführt und evaluiert werden, richten sich an Jugendliche und erwachsene Asylbewerber/innen und Flüchtlinge. Ein Kanon von passgenauen Angeboten zur sprachlichen und beruflichen Grundbildung, von gezielten Vorqualifizierungsmaßnahmen sowie Angeboten der Erstausbildung von Jugendlichen werden flankiert von Beratungs- und Betreuungsangeboten.

Ziele:

Die 16 Teilprojekte, die in einem integrierten System arbeiten und bei 12 operativen Partnern angesiedelt sind, werden unter thematischen Stichworten zusammengefasst. Die strategische Ausrichtung der EP konzentriert sich auf vier Handlungsfelder:

  1. Zugänge erleichtern und verbessern
  2. Entwicklung und Erprobung verschiedener zielgruppenspezifischer Konzepte zur Qualifizierung und Ausbildung
  3. Neue zielgruppen- und arbeitsmarktpolitische Ansätze zur Überwindung besonderer Benachteiligungen
  4. Multiplikator/innenschulung/Einleitung interkultureller Öffnungsprozesse

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3 Welche Zwischenergebnisse können wir aus Sicht der Hamburger Praxis bilanzieren?

Die Resonanz auf die Teilprojekte ist überwältigend. Lange Wartelisten verweisen auf den hohen Bedarf. Nachgefragt sind immer wieder abschlussbezogene Qualifizierungs- und Ausbildungsplätze für alle Altersgruppen. Insgesamt sind die Teilnehmer/innen hoch motiviert und erfolgreich in den Teilabschlüssen. Es ist allerdings auch die Angst spürbar vor der Bedrohung in das Herkunftsland abgeschoben zu werden. Das sind die Rahmenbedingungen, die Teilnehmer/innen massiv belasten ebenso wie die unzureichende Unterbringung in Sammelunterkünften.

4 Mit der Wirtschaft in einem Boot

„Die guten Erfahrungen sind die, dass ich noch nie oder selten so engagierte und lernwillige ausländische Auszubildende oder ausbildungsbereite Jugendliche bekommen habe.“ (Peter Gottschalk, Unternehmer, Druckerei Brünnler bei Hamburg, Der Betrieb ist Strategischer Partner der EP „Qualifizierungsoffensive für Asylbewerber/innen und Flüchtlinge in Hamburg“)

Erstmalig werden jugendliche Flüchtlinge in Handwerks- und Dienstleistungsberufen in den Berufen Tischler, Maler und Lackierer, Gärtner, Friseur, Informationselektroniker, Gas-Wasserinstallateur/in ausgebildet, die mit einem anerkannten Abschluss vor der Handwerkskammer enden. In den beiden Teilprojekten wird der Ausbildungsverlauf in modularisierter Form organisiert, so dass die Teilnehmer/innen entsprechend ihrer Aufenthaltsdauer Teilzertifizierungen erwerben können.

Die Arbeit in den Teilprojekten ist eingebettet in eine Strategie, auch Qualifizierungsplätze auf dem freien Arbeitsmarkt zu akquirieren. Es ist trotz der wirtschaftlichen Lage auf dem Ausbildungs- und Arbeitsmarkt in Einzelfällen immer wieder gelungen, weitere Teilnehmer/innen in Praktika und Ausbildungsverhältnisse zu vermitteln und Wirtschaftsbetriebe zur praktischen Zusammenarbeit zu gewinnen. Der beharrlichen und verlässlichen Kooperation zwischen Teilprojekten und Wirtschaftsbetrieben ist es zu verdanken, dass die vorhandenen Potenziale wie hohe Motivation, Schlüsselqualifikation und Mehrsprachigkeit aufgegriffen werden.

Die folgenden Fallbeispiele illustrieren exemplarisch (Um)wege junger Flüchtlinge in Ausbildungsverhältnisse, wie sie derzeit unter den Rahmenbedingungen der Hamburger Entwicklungspartnerschaft möglich sind:

4.1 Zum Beispiel Ayshe

(22 Jahre), hat 8 Jahre die Schule im Kosovo besucht und ist seit 4 Jahren in Deutschland. Ein Deutschkursangebot für Anfänger beim Koordinationsrat der Iranerinnen und Iraner (Teilprojekt) war der Einstieg in das „EQUAL-System“, das Therapieangebot der Koordinierungs- und Vermittlungsstelle für Beschäftigung, Qualifizierung und psychosoziale Rehabilitation von Flüchtlingen - basics (Teilprojekt) konnte zu einer Stabilisierung von A. Traumatisierung beitragen, so dass sie in die 10-monatige Basisqualifizierung bei Verikom e.V. (Teilprojekt) vermittelt werden konnte. Zur Klärung ihrer individuellen Anschlussperspektiven konnte durch basics für sie ein Ausbildungsplatz akquiriert werden. Ayshe macht jetzt eine 2-jährige Ausbildung zur Fachkraft im Gastgewerbe in einer renommierten Hamburger Konditorei. Die Voraussetzungen konnte Ayshe sich erarbeiten, weil ein passgenaues Angebot innerhalb des EQUAL-Netzwerkes zur Verfügung steht; die Arbeitsgenehmigung wurde erteilt, weil es sich um einen zusätzlichen Ausbildungsplatz handelt.

4.1 Zum Beispiel Emine

(21 Jahre) ist durch schwere Traumatisierung belastet, hat ihren Hauptschulabschluss in einer QUAS-Maßnahme gemacht und sich vergeblich um einen Ausbildungsplatz bemüht, weil ihr eine Arbeitsgenehmigung nicht erteilt wurde. Die Anwendung der Härtefallregelung für traumatisierte Flüchtlinge hat aufgrund einer fachlichen Stellungnahme dazu geführt, dass sie den Ausbildungsplatz in einem Friseursalon erhalten hat, weil belegt wurde, dass er Bestandteil der Therapie darstellt. Für den Arbeitgeber war dieses Verfahren mit weiteren Widrigkeiten verbunden, da es sich nicht um einen anerkannten Ausbildungsbetrieb handelte, musste erst eine Überprüfung seitens der Handwerkskammer vorgenommen werden. Inzwischen erhält der Betrieb nach den Richtlinien zur Förderung von betrieblichen Ausbildungsplätzen für Benachteiligte einen Anteil zur Ausbildungsvergütung (gilt nur für bestimmt Berufsgruppen, vgl. Senat der Freien und Hansestadt Hamburg, Behörde für Bildung und Sport, Richtlinie zur Förderung von betrieblichen Ausbildungsplätzen für Benachteiligte).

An beiden Bespielen wird deutlich, dass einerseits ein hohes Interesse von Wirtschaftsbetrieben besteht, Menschen mit Migrationshintergrund auszubilden. Andererseits beklagen die Arbeitgeber die hohen bürokratischen Hürden (Arbeitsgenehmigungsverfahren) durch die die Entscheidungen über Einstellungen letztlich von der Arbeitsagentur und von den Behörden getroffen werden. Es ist wichtig die Vernetzung mit den Wirtschaftsbetrieben auszubauen und den Dialog mit den -verbänden fortzusetzen und zu vertiefen.

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5 Frauen haben eine wichtige Schlüsselrolle in der Familie

„Wir wollen diesem Land etwas zurückgeben. Wir wollen aktiv mit unserer Kraft und unseren Kompetenzen mitarbeiten und mitgestalten.“ (Teilnehmerinnen eines Teilprojekts, Performance des EQUAL-Teilprojekt „Basisqualifizierung Gesundheit für Frauen“ - Verikom e.V. Hamburg anlässlich der Fachtagung „Brot und Würde“ der Beauftragten der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration und der BAG Asyl, März 2003 Berlin)

Die EP berücksichtigt bewusst die gezielte Förderung von Frauen, weil sie eine wichtige Schlüsselrolle im sozialen Zusammenhalt und in der Familie haben im Hinblick auf die Zukunftsgestaltung und die Bildungsbeteiligung ihrer Kinder. Bei dem Träger Verikom e.V. sind zwei Teilprojekte angesiedelt, die sich ausdrücklich an erwachsene Frauen richten: In einer 10-monatigen Basisqualifizierung werden die Teilnehmerinnen auf den Einstieg in Arbeit oder in andere Qualifizierungsmaßnahmen vorbereitet.

„Ich habe als Elektromechanikerin gearbeitet. Ich kann Motoren zusammenbauen, weiß wie sie funktionieren. Ich habe Entwürfe von Motoren gezeichnet und auch neue Motoren entwickelt.“ „Ich will gerne als Erzieherin arbeiten. Ich spiele gern mit Kindern. Wir verstehen uns gut. Mein Traum ist, ein Beratungsbüro oder einen Pflegedienst für russischsprechende Mitbürger zu gründen.“ (Teilnehmerinnen aus dem Teilprojekt)

Darüber hinaus ist es erstmalig gelungen, geflüchteten Frauen den Zugang zu Umschulungsmaßnahmen in IT-Berufen und im Pflegebereich zu verschaffen. D.h. eine Kooperation mit Umschulungsträgern impliziert einen kontinuierlichen Mainstreamingprozess mit Regeleinrichtungen der beruflichen (Nach)qualifizierung.

Beide Teilprojekte werden in Teilzeitform durchgeführt, um insbesondere auch Frauen mit Kindern eine Teilnahme zu ermöglichen.

6 Alle ziehen an einem Strang

Alle Akteure der Entwicklungspartnerschaft haben sich im Rahmen einer Vereinbarung zur Kooperation verpflichtet, um die strategische und praktische Umsetzung der Projektziele zu unterstützen. Die Zusammenarbeit erfolgt in verschiedenen Gremien, wie z.B. Plenum der Teilprojekte, Steuerungsgruppe und thematische Arbeitsgruppen. Die Arbeitsgruppe „Zugang“ - bestehend aus Vertreter/innen der Hamburger Innenbehörde, der Arbeitsverwaltung und Vertreter/innen der EP - hat sich als unerlässliches Gremium bewährt, das die Praxis der Teilprojekte begleitet im Hinblick auf die Verfahrensfragen im Zusammenhang mit der Aufenthaltssicherung und der Arbeitsgenehmigung als Voraussetzung für die Teilnahme. Hier wird ein mehr oder weniger unbürokratisches Verfahren für Teilnehmer/innen und Träger, um ausländer- und arbeitsgenehmigungsrechtliche Prüfungen bei den jeweiligen Stellen zu vereinfachen, in dem gesetzliche Spielräume im Sinne des Projekts genutzt werden. Die neue Qualität der Zusammenarbeit ist ein gutes Beispiel für gelungene Netzwerkarbeit.

Insgesamt lässt sich zumindest im Aktionsradius unserer Entwicklungspartnerschaft feststellen, dass die durch EQUAL erstmalig installierte Zusammenarbeit zwischen Flüchtlingsorganisationen und Qualifizierungsträgern einerseits und Fachbehörden und Betrieben andererseits einen wichtigen Beitrag dazu leistet, strukturelle Diskriminierung gegenüber Flüchtlingen wahrzunehmen, ihre Ressourcen aufzugreifen und ihre Qualifizierungsbedarfe anzuerkennen.

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7 Freizügigkeit guter Konzepte

(...)auf lokaler Ebene (konnte) durch die Arbeit der Partnerschaften nachgewiesen werden, dass eine Reihe von Unterstützungsmaßnahmen für Asylsuchende Nutzen erbracht haben, wobei die Möglichkeiten vom Zugang zur Sprachausbildung über allgemeine und berufliche Bildung und Freiwilligenarbeit bis zu einer Beschäftigung auf dem offenen Arbeitsmarkt reichten. Die klar zu erkennenden nützlichen Ergebnisse beinhalten einen Rückgang bei der Erwerbslosigkeit, verringerte ‚Abgänge’ von Asylbewerbern in die Schattenwirtschaft und größere Beiträge zur Wirtschaft vor Ort“ (Mitteilung der Europäischen Kommission zur Festlegung der Leitlinien für die zweite Runde der GI EQUAL, Freizügigkeit guter Konzepte, Brüssel 2003)

Die transnationale Dimension der GI, nach der die Entwicklungspartnerschaft sich gemeinsam mit anderen europäischen Partnern auf ein Arbeitsprogramm verpflichten, beinhaltet nicht nur den Im- und Export sog. „Good-practice“ Modelle sondern auch die Diskussion und gemeinsame Entwicklung von Empfehlungen zu Standards hinsichtlich der beruflichen Integration von Flüchtlingen in den europäischen Ländern. In der Zwischenbilanz der Europäischen Kommission, die zum Auftakt der zweiten Förderperiode von EQUAL neue Leitlinien herausgegeben hat, hat der Themenbereich Asyl ein besonderes Gewicht hat. Die Herausforderung in der zweiten EQUAL-Runde wird darin bestehen, diese ersten Ergebnisse zu validieren und eine Grundlage dafür zu bieten, dass die bisherigen Erfahrungen potenziell einen sehr viel größeren Kreis von Interessenten erreichen können.

8 Mehr Grenzen als Chancen!

„Zudem hat berufliche Aus- und Weiterbildung neben aller arbeitsmarktpolitischen Relevanz immer auch eine sozialpolitische Funktion: Berufserziehung und Berufspolitik sind daher immer mehr als nur Qualifizierung und Qualifizierungspolitik für Arbeitsprozesse, sie sind - und das häufig mit Schwerpunktsetzung - Bemühungen um die soziale Ordnung und die Integration in diese. Über Berufsausbildung geschah und geschieht Sozialisation in die Gesellschaft, die sich letztlich dadurch stabilisiert, dass mit den Abschlüssen der Berufsausbildung soziale Ungleichheit legitimiert wird. Ein Ausschluss von beruflicher Bildung ist einerseits ein Anzeichen von sozialer Diskriminierung und dient zugleich als Erklärung für Diskriminierung. Ein ernsthaftes Angebot zur Integration von MigrantInnen muss sich auch daran messen lassen, ob und inwiefern ihnen Möglichkeiten bereitgestellt werden arbeitsmarktrelevante und flexible Fähigkeiten zu erwerben“ (Petra Szablewski-Cavus, „Nutze die Chance, die du nicht hast!“, in: Victoria Flores Baeza/Maren Gag (Hg.), Mitstreiten, Mitentscheiden, Mitgestalten, Neumünster 1999).

Die Probleme beim Zugang zum Arbeitsmarkt aufgrund der geltenden gesetzlichen Regelungen in Deutschland sind die zentralen Hürden in der Umsetzung der GI EQUAL. Auf Grund der geltenden Bevorrechtigtenprüfung, nach der Ausbildungs- und Arbeitsplätze erst an Bevorrechtigte, d.h. Deutsche und Migrant/innen aus europäischen Mitgliedsstaaten vergeben werden, haben geduldete Flüchtlinge kaum Chancen, den Zugang zu erlangen. Trotz der programmatischen Vorgaben dieser Gemeinschaftsinitiative, ausdrücklich bleiberechtsungesicherte Flüchtlinge zu fördern, wird die Umsetzung in Deutschland aus Sicht der acht Entwicklungspartnerschaften massiv behindert, weil der Zugang der Teilnehmer/innen zu den Maßnahmen aufgrund der rechtlichen Hürden nicht regelhaft gesichert ist. Es ist absurd, dass die rechtlichen Rahmenbedingungen bestehen bleiben und gleichzeitig der experimentelle Charakter des Programms hervorgehoben wird. Programmabsicht und Restriktionen in der hiesigen Flüchtlings- und Asylpolitik stehen im Widerspruch zueinander - in diesem Zwiespalt agieren die Entwicklungspartnerschaften allerdings mit beachtlichen Erfolgen.

Um Experimente besser zu nutzen in der Absicht, zu wirklich neuen Qualitätsstandards zu kommen, werden Ausnahmen gebraucht, die spätestens für die zweite Förderperiode verbindlich geregelt sein müssen: Aufhebung der Bevorrechtigtenprüfung und freier Zugang zu Ausbildung und Arbeitsmarkt, Aufhebung der Arbeitsverbote, Aufhebung der räumlichen Beschränkung und Abschiebeschutz. Es bleibt dann immer noch abzuwarten, inwieweit die Entscheidungsträger in Deutschland sowie in den anderen Mitgliedstaaten den programmatisch verankerten Anspruch, positive Ergebnisse aus der GI EQUAL in das gesetzliche Regelwerk übernehmen werden.

9 Exkurs : Qualifizierung auch für Mulitplikator/innen - ein Angebot

„Die Frage der ‚Interkulturellen Öffnung‘ führt, wenn man sie ernst nimmt, zum Hinterfragen des bisher geltenden Normalen. Und wenn es weiterhin normal sein sollte, Bedürfnisse von AdressatInnen aufgrund ihrer Kategorisierung nach Herkunft, Rechtsstatus usw. zu ignorieren bzw. an Sonderbereiche zu delegieren, dann sind Maßnahmen gegen solche Formen der Ausgrenzung nötig. Insofern ist ‚Interkulturelles‘ nichts Zusätzliches, was man ohne Veränderung des Ist-Zustandes einführen kann, sondern soll langfristig zur Umstrukturierung des Bestehenden führen. Und wenn durch so eine Umstrukturierung Bedürfnisse von weiteren potenziellen AdressatInnen berücksichtigt würden, wäre dies für die Qualität der Arbeit insgesamt ein Gewinn“ (Annita Kalpaka: Kompetenes pädagogisches Handeln in der Einwanderungsgesellschaft, in: standpunkt sozial - Hamburger Forum für Soziale Arbeit, Heft 2/1998).

Mulitiplikator/innen aus Beratungs- und Betreuungsarbeit haben nicht immer ausreichende Kenntnisse über die Rechte und Ansprüche ihrer Zielgruppe sowie über die Hürden, mit denen sie in der Regel konfrontiert ist. Ebenso fehlt es häufig an Kenntnissen, welcher Bedarf an Informationen besteht und welche zusätzlichen Instrumente nötig sind, um eine umfassende Unterstützung anzubieten …

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