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Migranten im Übergang Schule – Beruf

Zwei Wege aus der Ausbildungskrise

Mustafa U. Inal

Berufliche Bildung als Grundausbildung und ständige Fort- und Weiterbildung ist eine unerlässliche Voraussetzung für die Sicherung und Verbesserung der Zukunftschancen der Arbeitnehmer/innen sowie für die Bewältigung der betrieblichen Aufgaben und Anforderungen. Eine qualifizierte Berufsausbildung ist auch für junge Migranten wie für den Betrieb eine wichtige Zukunftsinvestition, um die Beschäftigungschancen zu verbessern, den Fachkräftebedarf zu sichern und die Wettbewerbsfähigkeit zu stärken.

Bei Migranten verschärft sich die mit der Berufsvorbereitung verbundene psychische Belastung durch die kulturelle Zerrissenheit und durch die nach wie vor schlechtere sozioökonomische Lage der Migrantenfamilien. Obwohl sich das Schul- und Ausbildungsniveau der jungen Migranten im Vergleich zur ersten Generation deutlich erhöht hat, ist es im Vergleich zu jungen Deutschen immer noch geringer.

Selbst wenn viele von ihnen schon während der Schulzeit ein vierwöchiges Betriebspraktikum, vorzugsweise in ihrem Wunschberuf, absolvieren, bedeutet das noch lange nicht, dass sie nach der Schule auch in diesem Beruf eine Lehrstelle finden. Vor allem für Jugendliche mit Hauptschulabschluss bzw. Erweitertem Hauptschlulabschluss ist die Lehrstellensituation äußerst schwierig. Selbst für Absolventen mit Mittlerer Reife (Realschulabschluss) sind die Chancen sehr schlecht. Da nützt es auch nicht viel, wenn die allgemein bildenden Schulen mit den Arbeitsämtern in Verbindung stehen bzw. zusammenarbeiten. Es sind einfach nicht genügend Lehrstellen vorhanden. So liegt es also nicht vorrangig an den jungen Migranten, sondern an der gesamtwirtschaftlichen Situation.

Um einen Ausweg aus dieser Situation zu finden, entschließen sich viele Jugendliche und auch die jungen Migranten, weiter zur Schule zu gehen. Möglichkeiten sind z.B. das einjährige Berufsgrundausbildungsjahr oder die vom Arbeitsamt geförderten Lehrgänge. Haben die Migranten einen guten Realabschluss erzielt, bietet sich auch das Fachabitur oder die Allgemeine Hochschulreife (Abitur) an. Dafür muss allerdings die Realschule zuvor eine Empfehlung aussprechen.

Haben die Jugendlichen die Möglichkeit einer betrieblichen Ausbildung erhalten, stehen sie allerdings nach der Ausbildungszeit oft nicht viel besser da. In den meisten Fällen werden sie vom Betrieb nicht übernommen, oder bestenfalls auf Zeit, d.h. bis zu sechs Monaten. Also entschließen sie sich wiederum, in irgendeiner Form zur Schule zu gehen.

Viele sind dieser schwierigen beruflichen bzw. Ausbildungssituation nicht gewachsen. Vor allem junge Migranten, die keinen Schulabschluss besitzen, sind besonders gefährdet. Da sie gleich zu Beginn nach der Schule keine Möglichkeiten der persönlichen Entfaltung haben, suchen sie die fehlende berufliche Anerkennung und Bestätigung in der Freizeit- oder einer anderen Gruppe, die dies aber nicht immer bieten kann. Hier korrespondiert die Berufsfrage deutlich mit anderen sozialpolitischen Problemen, so dass eine Lösung der ersteren ganzheitliche Effekte zeigen kann.

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Orientierungsangebot Qualipass

Die Frage ist nun, wie diese Situation geändert werden kann. Dazu hat die Freudenberg Stiftung in Baden-Württemberg in Zusammenarbeit mit dem Interkulturellen Bildungszentrum Mannheim und der Bundesarbeitsgemeinschaft der RAA den Qualipass entwickelt, um schulschwachen Jugendlichen eine Kompetenzförderung für die Berufswahl zu ermöglichen.

Praktikerinnen aus 5 RAA arbeiteten einen Grundriss für dieses Projekt aus. Entscheidend für das Konzept ist, Schüler/innen und Lehrer/innen parallel als Zielgruppen einzubeziehen und Methoden zu finden, mit denen die sozialen und fachlichen Kompetenzen der Schüler gestärkt werden können. Weiterhin geht es um Berufsorientierung sowie Praxiserfahrung im Ost-West-Austausch und um den Erwerb interkultureller Kompetenzen.

Im Rahmen dieses Programms absolvieren die Jugendlichen Praktika und ehrenamtliche Projekte, die von den Lehrern zum Teil mit organisiert, vor allem aber begleitet werden. Alle Jugendlichen haben dafür einen persönlichen Coach, der ein Lehrer, ein erwachsener Freund, Sozialarbeiter, Elternteil oder sonst Bekannter sein kann. Mit jeder Aktivität verbunden ist ein System der Bewertung und Zertifizierung sowie der Selbstreflexion: Die Praktikumsstellen bescheinigen den Beteiligten die geleistete Arbeit und den Erfolg, die Coaches beurteilen den Lernzuwachs und die Entwicklung des Jugendlichen; die Schüler selbst notieren ihre Beobachtungen anhand eines einfachen Frageregisters dazu, was sie im Praktikum gemacht, was sie dafür an Know How gebraucht und neu gelernt haben und wie sie ihren eigenen Kompetenzzuwachs beurteilen.

Der entscheidende „Nebeneffekt“ jedoch ist die Aktivierung der Lehrerinnen und Lehrer für dieses Problemfeld: die Vorbereitung der Jugendlichen auf die Zeit nach dem Schulabschluss. Dafür enthält der Qualipass u.a. auch einen Teil, der sich nur auf die Angebotsstruktur und Aktivitäten der Schule in diesem Bereich bezieht und Lehrer/innen anregt, systematisch darüber nachzudenken.

Langfristig gesehen soll dieses Projekt über drei Schuljahre mit Schülern und Schülerinnen ab der siebten Klasse und deren Lehrerinnen und Lehrern durchgeführt werden. Die wichtigsten Handlungsfelder für die Beteiligten sind hier die Erhöhung der sozialen Kompetenz, die Entwicklung des Selbstwertgefühls und das Erarbeiten von persönlichen fachlichen Stärken. Darüber hinaus sollen diese Stärken erkannt und gefördert werden. Natürlich geht es auch darum, das Berufswahlspektrum zu erweitern.

Wichtig in diesem Zusammenhang ist natürlich, dass die Schüler bzw. jungen Migranten ein Zertifikat über die Teilnahme an dem Projekt erhalten, das über die Schule hinaus anerkannt wird, z.B. von der Handwerkskammer oder der Industrie- und Handelskammer, damit sich dies im zukünftigen Berufsleben der Schüler - unter anderem im Lebenslauf - positiv auswirkt. Der Qualipass, der alle o.g. Zertifikate der Betriebe, der Coaches und der Praktikanten enthält, leistet dies, so er wahrgenommen wird. Dies ist zum gegenwärtigen Zeitpunkt leider nur eingeschränkt der Fall – in Baden-Württemberg wird er auf sehr breiter Ebene genutzt, in anderen Bundesländern setzt er sich erst langsam als aussagekräftige Bewerbungsunterlage durch. So hat er im Raum Mannheim wesentlich dazu beigetragen, das Selbstbewusstsein, die Berufsfeldorientierung und damit die Vermittlungsquoten Jugendlicher zu erhöhen – es wäre wünschenswert, auch bundesweit an diese Erfahrungen anzuknüpfen.

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Aufwertung von Bilingualität als Qualifikation

Ein weiteres Projekt-Beispiel zur beruflichen Qualifikation von Jugendlichen mit Migrationshintergrund ist aus der RAA Berlin zu nennen.

Unter dem Motto „Mobilität - Berufliche Zukunft in Deutschland und/oder in der Türkei“ können türkische Jugendliche, die in Berlin leben und eine betriebliche Berufsausbildung im Elektro-, Metall-, kaufmännischen oder in einem IT-Bereich absolvieren, eine Zusatzqualifikation erwerben. Neben der Berufsausbildung nehmen sie gleichzeitig an einem berufsbezogenen Fachunterricht in türkischer Sprache und an einem Betriebspraktikum in der Türkei teil. Dadurch erhalten die Jugendlichen die notwendige Qualifikation, um den berufsspezifischen Anforderungen der Berufs- und Arbeitswelt zu entsprechen. Vor allem aber wird deutlich, dass ihre zweisprachige Herkunft kein Makel ist, wie sie es oft in der Schule erleben, sondern ein Potential, das zu nutzen und auszubauen sich lohnt.

Auf diese Weise werden ihre zukünftigen Arbeitsplatzchancen in dem zusammenwachsenden europäischen Arbeitsmarkt erhöht. Die Betriebe genießen den Vorteil von Fachkräften, die eine internationale Qualifikation aufweisen, also ein Arbeitskräftepotential, dass für den unternehmerischen Erfolg im globalen Wettbewerb mehr und mehr an Bedeutung gewinnt. Das Projekt „Berufliche Bildung türkischer Jugendlicher“ findet derzeit in Berlin, Bochum und Hamburg statt und wird koordiniert durch das Institut der deutschen Wirtschaft Köln.

Neben der Ausbildung erhalten die Jugendlichen dabei einen berufsbezogenen Fachunterricht in Türkisch. Dieser Unterricht umfasst wöchentlich drei Stunden, die außerhalb der betrieblichen Ausbildungszeit liegen, und wird von zweisprachigen Praktikern aus den vier Berufsfeldern erteilt. Darüber hinaus absolvieren die Jugendlichen während ihrer Ausbildung ein Betriebspraktikum, das fünf Wochen in Ankara stattfindet. Dem genauen Zeitpunkt des Praktikums müssen alle Beteiligten – dazu gehören auch die Ausbildungsbetriebe – zustimmen, er ist abhängig von dem jeweiligen Ausbildungsberuf und der Ausbildungsdauer. Erfolgte der Berufsabschluss in Deutschland, so wird über die regelmäßige Teilnahme am Zusatzunterricht sowie die Absolvierung des Betriebspraktikums in der Türkei ein zweisprachiges Zertifikat ausgestellt, das dem Ausbildungszeugnis beigelegt werden kann.

Das Projekt hat sich in den vergangenen fast zehn Jahren als sehr erfolgreich erwiesen, wie sich an zahlreichen Beispielen ablesen lässt. Sei es die Bilingualität, sei es das besondere Engagement für berufliche Weiterbildung außerhalb der eigentlichen Arbeitszeit – die Jugendlichen stoßen auf Interesse mit ihren Bewerbungen. So hat der Metallazubi Ferhat Y. nach seiner Ausbildung bei der Telekom und dem Projekt eine feste Anstellung bei der Bundeswehr bekommen, Halil Z. begann seine Berufslaufbahn bei Siemens, Karstadt übernahm drei Jugendliche in ein Arbeitsverhältnis etc. Einige Betriebe signalisierten schon während der Ausbildung, dass sie an der speziellen sprachlichen Qualifkation Interesse haben und die Lehrlinge nach Abschluss halten wollen, so u.a. eine Berliner Hertie-Sportabteilung. Und der kaufmännische Azubi Bülent A. machte sich nach der Lehre und dem bilingualen Abschluss selbständig, eröffnete mit einer zweiten Projektteilnehmerin zusammen ein Restaurant, kurz danach das nächste und sorgt nun für türkisches Flair im Ostberliner Stadtteil Friedrichshain.

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Schlussbemerkung – von Projektangeboten zu langfristigen Strategien

Ein weitere und sicher in allen Vorhaben die wichtigste Methode, der schwierigen Ausbildungs- bzw. Berufssituation für junge Migranten Abhilfe zu schaffen, ist eine frühzeitige Zusammenarbeit von Eltern und Schule. Ab der 8. Klasse sollten die Eltern in die Berufsabsichten ihrer Kinder miteinbezogen werden. So wäre es angebracht, wenn Eltern und Lehrer sich besonders bei lernschwachen Schülern zusammenschließen und gemeinsam über berufliche Möglichkeiten beraten. Dafür wären auch die altbewährten Hausbesuche von Lehrern nützlich, um die soziokulturellen Gegebenheiten des betreffenden Schülers kennen zu lernen.

Dies betrifft als systemischer Ansatz die Veränderung des schulischen und pädagogischen Selbstverständnisses und sollte im Zuge der PISA-Diskussion mit ins Auge gefasst werden. Bevor es zu solchen strukturellen Neuerungen kommt, können Projekte wie die geschilderten praktische Vorarbeit leisten und qualitative Maßstäbe setzen, doch nur ein breiterer bildungsreformerischer Ansatz wird gesamtgesellschaftlich neue Perspektiven schaffen können.

Informationen zu den genannten Projekten gibt es bei:

Interkulturelles Bildungszentrum, H 2,2, 68159 Mannheim, Telefon 06201. 14730, Fax 06201. 14750, projekt.mannheim@t-online.de

RAA Berlin, Chausseestr. 29, 10115 Berlin, Telefon 030. 240 45-0, Fax 030. 240 45-509, info@raa-berlin.de, www.raa-berlin.de

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