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Duldungsauflage und doch studiert ?

Antje Hofert, Bildungs- und Qualifizierungsberatung des südost Zentrums und der RAA Berlin

Der hier vorgelegte Erfahrungsbericht umfasst inhaltlich die Bildungssituation von jugendlichen und jungen erwachsenen Flüchtlingen mit unsicherem Aufenthaltsstatus aus Bosnien und der Herzegowina über einen Zeitraum von 9 Jahren.

1992, die Wende in den ehemaligen Ostblockstaaten hatte bereits aus Rumänien und Bulgarien zumeist Minderheitenflüchtlinge, darunter viele Roma und Türkbulgaren, nach Deutschland gebracht, brach in der SFRJ der Krieg aus. Unvorstellbare Gräuel trieb die Bewohner ganzer Ortschaften außer Landes. So unfassbar der Bruderkrieg für die Mehrheit der Betroffenen war, so unbegreifbar blieb er für die Europäische Gemeinschaft. In der Annahme, dass dieser Krieg alsbald beendet sein würde, wurde Kontingentflüchtlingen in eingeschränktem Umfang ein vorerst sicherer Aufenthalt auch in Deutschland gewährt. Einem sehr geringen Anteil unter ihnen wurde der Genfer Flüchtlingsstatus zuerkannt. Zumeist erhielten die Flüchtlinge eine auf 2 Jahre begrenzte Aufenthaltsbefugnis. Die Zahl derer, die nicht im Kontingent einreisten, überwog um ein Vielfaches die der Kontingente. Für sie wurde nahezu durchgängig die Duldung, begrenzt auf 6 Monate bis hin zu einem Jahr, ausgesprochen. Duldung, das ist die vorläufige Aussetzung der Abschiebung aus humanitären Gründen: Lagerhaft, Vergewaltigung, traumatisierende Zeugenschaft bei Kriegsverbrechen, Verhinderte Rückkehroption aufgrund ethnischer Säuberung u.a.

Als im Winter 1995 der offizielle Friedenvon Dayton geschlossen und mit ihm die Teilung Bosniens und der Herzegowina nach Entitäten vollzogen wurde, blieben die Gründe für die Aussetzung der Abschiebung bestehen. Die Mörder lebten größtenteils frei in „ihren“ Entitäten. Posttraumatische Belastungsstörungen ließen die Betroffenen nicht in ihren Lebensalltag zurückkehren; nach Ethnien bereinigte Gebiete blieben für die Minderheitenbevölkerung unzugänglich. Dennoch blieb in Berlin die Duldung für die nahezu 40 000 bosnischen Kriegsflüchtlingen mit ihren gesamten Auflagen bestehen. Und das heißt: Arbeitsaufnahme, berufliche Ausbildung und Studium nicht gestattet. Entgegen den sich in Bosnien und der Herzegowina abzeichnenden Problemen für Rückkehrer forcierte die Berliner Regierung die Ausschaffung der Flüchtlinge. Verstärkt wurden Grenzübertrittsbescheinigungen, die zur alsbaldigen Ausreise aufforderten, ausgestellt. Geduldete Flüchtlinge mussten unter Druck private Wohnungen zugunsten der Rückkehr in Sammelunterkünfte aufgeben. Flankiert wurde dieser Ausreisedruck durch Rückkehrunterstützungen, Wideraufbauhilfen und Qualifizierungsangebote.

Diese Strategie der Orientierung auf eine möglichst rasche Rückkehr ohne tragfähige Vision einer lebbaren Zukunft in Bosnien und der Herzegowina bei gleichzeitiger Verweigerung der Aufenthaltsverfestigung in Deutschland führte insbesondere unter jugendlichen und jungen erwachsenen Bürgerkriegsflüchtlingen zu einem rasanten Abbau des vorhandenen Bildungs-kapitals.

Dieser Umgang mit Duldungsflüchtlingen und jenen mit Grenzübertrittsbescheinigungen klammert von vornherein die produktive Auseinandersetzung um eine eigenverantwortliche Perspektive der Flüchtlinge aus.

Spätestens seit Ende der 80er Jahre war mit der Aufenthaltssituation der palästinensischen Libanonflüchtlingen bekannt, dass sich Flüchtlinge nicht per Dekret außer Landes schaffen lassen. Die heutige Sozialhilfealimentierung der in Deutschland geborenen 3. Generation, nunmehr weitgehend mit Bleiberecht ausgestattet, ist auch ein Produkt ihrer bildungs- und ausbildungstechnisch Unterversorgung.

Mit dem Massenexodus aus Bosnien und der Herzegowina gingen große Teile der Zukunft außer Landes: Schüler, Berufsschüler, Studenten, Absolventen und Graduierte. Deren Bildungskapital nicht zu erhalten bzw. nicht zu vergrößern, heißt, Investitionen zu verschleudern, Perspektiven zu verschenken und – mit absehbarer Langzeitwirkung - Sozialhilfeempfänger zu produzieren.

Als sich abzeichnete, dass der Staus der Duldung mit all seinen Auflagen erhalten bleiben würde, entwickelte die seit Juno 1996 am südost Zentrum ansässige Bildungs- und Qualifizierungsberatung ein stufenweises den jeweiligen individuellen Bedürfnissen der jugendlichen Flüchtlinge angepasstes Schulbildungs- und Qualifizierungsprojekt welches auf der Grundlage des Berliner Schulgesetzes agierte:

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Diese Maßnahmen durchzuführen, bedurfte nach Rechtslage keines gesonderten Beratungsaufwandes. Doch weder Sozialarbeiter noch Lehrer stellten den Bildungs- bzw. Ausbildungsbedarf der Jugendlichen in den Mittelpunkt ihrer pädagogischen und sozialpädagogischen Arbeit. Sehr oft wurden Jugendliche mit dem Hinweis in die Beratung geschickt, dass sie befähigt seien, und nicht auf der Straße enden sollen und deshalb doch wenigstens einen Kurs brauchten. Bildung als Präventivmaßnahme anstatt Perspektivgestaltung. Ein Blick in das Schulgesetz hätte genügt, um festzustellen, dass jeder Jugendliche mit ordentlichem Wohnsitz in Berlin das Recht auf Schulbildung im gesamten Leistungsumfang hat.

Was vielleicht engagierte Helfer abgeschreckt hat, ist die in die Aufenthaltspapiere von geduldeten Flüchtlingen eingestempelte Auflage „Aufnahme eines Studiums oder einer sonstigen Berufsausbildung nicht gestattet“, die ein generelles Ausbildungsverbot impliziert. Diese Interpretation ist falsch. Die Auflage gilt nur für das duale betriebliche Ausbildungssystem bzw. Ausbildungen, die über das Arbeitsamt gefördert werden. Dennoch bleibt die unterlassene mögliche Bildungs-Unterstützung ein grobes Versäumnis mit Langzeitwirkung. Jetzt noch, 2003, kommen junge Erwachsene mit Bleiberecht, die weder zu Berufsbildungs- noch Arbeitsprozessen Zugang erhalten, weil sie den Bildungsanschluss versäumt haben:

Senada kam 1994 mit 15 Jahren nach Deutschland. Senada hat in Bosnien 7 Schuljahre absolviert. Im Eingliederungskurs wurde sie nicht aufgenommen, weil die aufnehmende Lehrerin davon ausging, dass Senada mit 16 Jahren ohnehin die Schulpflicht erfüllt hat und sich deshalb die Aufnahme nicht mehr lohne. 1996 – 2003 kämpfte Senada um ihre Befugnis, die sie erhielt. Senada ist nunmehr 23 Jahre alt und verfügt über keinen Schulabschluss. 2003 erfuhr sie von der Bildungs- und Qualifizierungsberatung für jugendliche Flüchtlinge ohne Aufenthaltsstatus. Die dort vorgelegten Heimatzeugnisse bis zur 7. Klasse sind exzellent. Senada ist traumatisiert und benötigt verständnisvolle Unterstützung. Der einzig geeignete Ort für ihre Unterstützung ist derzeit das SPI-Projekt Flucht nach vorn. Hier wird sie gemeinsam mit anderen gestrandeten Flüchtlingsjugendlichen auf den Hauptschulabschluss vorbereitet.

Senada hat durch den Krieg zwei Schuljahre versäumt. Um intensiv Deutsch zu erlernen, benötigen Kinder und Jugendliche zumeist nicht mehr als 1 Jahr. Die versäumte Bildung in Berlin kostete Senada 7 Jahre. Senada wollte Krankenschwester werden oder Ärztin. Jetzt lebt sie von Sozialhilfe.

Ähnlich gelagert war der Fall von Asmir. Er wurde 1995 aus einem Eingliederungskurs für wenigstens einen Kurs zur Bildungsberatung geschickt. Nach kurzer Intervention war er Schüler der allgemeinbildenden Schule. Heute ist er Student der TFH.

Wie geht das ? Duldung und trotzdem Studium ? Das Einzige, was Studienbewerber in Deutschland brauchen, wenn sie den Duldungsstatus haben:

  1. einen Bürgen, der über die gesamte Studien-Zeit die finanzielle Verantwortung übernimmt und diese auch auf Grund seines Einkommens und seiner Wohnverhältnisse übernehmen kann.
  2. den Nachweis eines Studienplatzes

Mit diesen kompletten Unterlagen ausgestattet, beantragen sie in ihrer Heimat oder aber – wenn die Einreise in das Heimatland eine nicht zu vertretende Gefährdung darstellt – in einem Drittland bei der deutschen Botschaft das Studentenvisum. Für viele Jugendliche, die die unmittelbar bevorstehende Erteilung der Befugnis erwarteten, war dieser Weg jedoch unlukrativ, da mit der Ausreise die bisherigen Jahre der Anwesenheit (Verweildauer) in Deutschland aufenthaltsrechtlich keinen über die Studienzeit hinaus bestehenden Bleibegrund mehr darstellen würden.

Hinzugefügt werden muss, dass Studenten 20 Stunden in der Woche arbeiten dürfen und somit auf Fremdunterstützung nicht generell angewiesen sind.

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Bosnische Selbsthilfe

Viele der aus Bosnien und der Herzegowina kommenden Jugendlichen waren bei Einreise in Deutschland mit 19 – 22 Jahren ohne deutsche Sprachkenntnisse für eine gesamtschulische Berufsausbildung nicht geeignet. Für diese jungen Menschen organisierte das südost Zentrum Berlin gemeinsam mit Praxispartnern, maßgeblicher Unterstützung des Bosnischen Bildungsministeriums und dem Europäischen Flüchtlingsfonds die Bosnische berufliche Mittelschule und das Bosnische Fachgymnasium in verschiedenen Berufsfeldern. Die Abschlussprüfungen nahmen die ehrenamtlichen Lehrer gemeinsam mit autorisierten Vertretern des Bosnischen Bildungsministeriums ab.

Schüler dieser Schule leben, arbeiten und studieren heute in Deutschland oder anderen Ländern. Sie haben die Ausbildung bewältigt, obwohl die Schule unter Bedingungen arbeitete, die nach westeuropäischen Maßstäben keine Gewerkschaft und keine Schüler- oder Elternvertretung hätte akzeptieren können: nicht selten Unterricht von 7:30 – 21:30 Uhr dazwischen Pausen von 3 – 4 Stunden. Die Lehrer arbeiteten ehrenamtlich und konnten nicht einmal das symbolische Honorar annehmen, weil ihnen Arbeit nicht gestattet war. Dennoch: der bosnische Berufs- und Schulabschluss wurde geschafft – 75 junge Menschen, die weit mehr als Sozialhilfe zu erwarten haben.

Unter den SchülerInnen waren auch Krankenschwestern, einst begehrte Anwerbekandidatinnen für Deutschland, heute ohne deutsche Berufsanerkennung. Kein Berufsabschluss erhielt eine deutsche Anerkennung. Wohl aber war der Weg zum Studium in Deutschland geöffnet.

Die Bosnische Mittelschule wie auch das Fachgymnasium waren die gemeinsame Antwort von südost Zentrum und engagierten Bosnischen, Serbischen und Kroatischen Lehrern auf die Qualifizierungsvorstellungen des Berliner Senats, die weder den sich entwickelnden Wirtschaftsverhältnissen Bosniens und der Herzegowina adäquat waren noch einen zertifizierten Abschluss offerierten. Abschiebequalifizierung also.

Es ist eine Frage des Umganges mit den mitgebrachten Ressourcen der Flüchtlinge wie es auch eine Frage des Bildungsexportes nach Bosnien oder in andere osteuropäische Länder ist.

Die Schulausbildung in der ehemaligen Sozialistischen Föderativen Republik Jugoslawien war, die naturwissenschaftliche Grundausbildung betreffend, der Berliner Schule überlegen. Mühelos fügen sich die Schüler in den Berliner Unterricht ein. Bewerber, die im Rahmen von MDQM (Modulare Duale Qualifizierung) Kooperationsausbildungen bei Siemens absolvierten, hielten hier oft die Leistungsspitze. Es ist bekannt, dass gerade in mathematisch-naturwissenschaftlichen wie auch im medientechnischen Bereichen motivierte gute Auszubildende gesucht werden. Es stellt sich also die Frage, warum diese begabten Schüler nicht weiter gefördert werden. Telekom hat mit jugendlichen Flüchtlingen aufgrund ihrer hohen Motivation und Begabung Ausbildungsverträge abschließen wollen, die das zuständige Arbeitsamt schließlich nicht genehmigte. Bosnien hat einen hohen Nachholebedarf an Telekommunikationsausrüstung. Wären diese jungen Menschen, zwei- und mehrsprachig gebildet, berufsqualifiziert in deutschen Unternehmen, nicht exzellente Partner im Aufbau?

Eindeutig spielen europäische Perspektiven bezüglich Ost- und Südosteuropa in der Entwicklung von Arbeitskraftressourcen keine Rolle. Die Menschen sind hier, ihre Ausbildung wird behindert. Bereits vorhandene Potentiale werden abgebaut und zerstört. In wenigen Jahren stehen sie uns, wenn nicht über erhöhten Beratungsaufwand doch noch in Ausbildung gebracht, entweder in Deutschland oder aber in ihren Heimatländern als Sozialhilfeempfänger gegenüber. Bildungsressourcen sind, zumindest in Deutschland, anscheinend kein mit Globalisierungsprozessen in Zusammenhang zu bringender Faktor. Das zumindest legte eine zur Region Banja Luka, Reublika Srpska, angefertigte Studie zur Entwicklung vorhandener Bildungspotentiale dar. Gut ausgebildete junge Menschen, die sich nach dem Krieg in Deutschland bewarben, wurden, obwohl ihre Kompetenz durchaus gefragt war, nicht angenommen, während parallel analog qualifizierte Spezialisten aus Indien oder anderen Software-Entwicklungsländern angeworben werden sollten. Diese jedoch kamen nicht im erhofften Umfang. Die Region Banja Luka wird sich u.U. in absehbarer Zeit zu einem Zentrum für Programmentwicklung wandeln. Die Potentiale sind vorhanden. Ersten Kooperationen mit Westeuropa beginnen. Dann wird eben hier für Gesamteuropa entwickelt.

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